iff - Fachartikel

Gerüche  und Emissionen – Roulette für den Bodenleger?

 

Dieser Fachbeitrag soll sich nicht mit speziellen analytischen Untersuchungen befassen, sondern dem Bodenleger eine Hilfestellung für die Praxis geben.

 

„Das letzte Handwerk?“

Bezogen auf den üblichen Bauablauf, ob im Altbau oder im Neubau, ist der Auftragnehmer für Bodenbelagarbeiten überwiegend „der letzte Handwerker“ oder anders gesagt:

Sein Gewerk ist eines der letzten, welches am Bau ausgeführt wird. Der Innenausbau ist soweit fertig gestellt, dass der Auftragnehmer elastische oder textile Bodenbeläge, aber auch Parkettböden u.a. - nach entsprechenden Unterbodenvorbereitungsarbeiten - verlegen bzw. kleben kann. Als Untergründe liegen die bekannten Estrichkonstruktionen/Lastverteilungsschichten und/oder Holzspanplatten, Holzdielen-Fußbodenkonstruktionen, vorverlegte Bodenbeläge oder Entkopplungsmattensysteme vor. Die Leistungen sind vollbracht; der Auftragnehmer stellt seine Schlussrechnung; der Besteller zahlt nicht - im Gegenteil, er macht von seinem Leistungsverweigerungsrecht / Einbehaltungsrecht von mindestens des dreifachen Betrages der aus seiner Sicht erforderlichen  Mängelbeseitigungskosten Gebrauch.

Die Begründung des Auftraggebers:

Es stinkt; es liegen Geruchsbelästigungen vor. Das Gewerk ist also aus Sicht des Auftraggebers mit Mängeln behaftet, die den Wert und die Tauglichkeit zu dem gewöhnlichen und dem Vertrag vorausgesetzten Gebrauch aufheben oder mindern. Die übliche Beschaffenheit ist nicht gegeben. Häufig handelt es sich in diesem Fall nur um einen üblichen Neugeruch von Bodenbelagmaterialien; die Geruchswahrnehmung bezieht sich auf die eingesetzten/verwendeten Bodenbeläge und Verlegewerkstoffe. Und nicht selten werden die Geruchsentwicklungen auch mit „Schadstoffen“ und die Gesundheit beeinträchtigende Emissionen in Verbindung gebracht.

 

Ob es stimmt oder nicht – das Problem ist erst einmal gegenwärtig und häufig wird viel aubjektive Polemik ergänzend in Gespräche und Schriftverkehr eingefügt – mal durch Unwissenheit und Unsicherheit, aber auch auf Grund von Profilierung +  „Sensationshäscherei“.

 


Wie kann sich der Bodenleger vor diesen teuren Beanstandungen schützen?

 

In der Praxis wahrscheinlich gar nicht sicher, aber der Bodenleger hat die Möglichkeit, durch die Art der Verarbeitung und Auswahl der Produkte das Risiko erheblich zu minimieren:

 

Verarbeitung:

Hinsichtlich der Verarbeitung spielt schon die Untergrundvorbereitung eine entscheidende Rolle.

Folgende Hinweise für die Praxis sollten beachtet werden:

 

  1. Restschichten (alte, vorhandene Klebstoffreste, aber auch Spachtelmassen und (Grundierungen) sollten möglichst rückstandsfrei vom Untergrund entfernt werden, um Emissionen und Gerüche dieser Restschichten, aber insbesondere auch unkalkulierbare Wechselwirkungen zwischen den Restschichten und neu aufzubringenden Verlegewerkstoffen zu vermeiden.
  1. Der Untergrund sollte nach Möglichkeit ausreichend trocken und Belegreif sein, da Feuchtigkeit Geruchsbildungen immer fördert, nicht belegreife Untergründe sollten nur in absoluten Ausnahmefällen unter Berücksichtigung der erforderlichen Vorgehensweise belegt werden – hier kommt dem Bodenleger die schnelle Bauweise in der heutigen Zeit sicher nicht entgegen!
  1. Die Verarbeitungshinweise und insbesondere Trockenzeiten der einzelnen Produkte sind unbedingt einzuhalten!
  1. Es sollten nur in Bezug auf Emissionen geprüfte und bewährte Produkte verarbeitet werden, also – ohne Wertung – EC 1 Produkte der GEV oder Produkte mit dem „Blauen Engel“!

 

Bodenbeläge:

Auch bei den Bodenbelägen sind die Verarbeitung und die jeweiligen Produkte von besonderer Bedeutung:

 

  1. Vom Hersteller empfohlene, möglichst emissionsarme Klebstoffe (EC 1 oder „Blauer Engel“) verwenden und nach Herstellerangaben verarbeiten.
  1. Unbedenkliche Bodenbeläge verwenden, jeweils mit dem „Blauen Engel“ ausgelobt oder schadstoffgeprüft mit entsprechenden Zertifikaten.

 

 

Hierbei handelt es sich um grundsätzlich zu empfehlende und notwendige Maßnahmen zur Risikominimierung für den Bodenleger. Dem Bodenleger ist ggf. anzuraten, Bedenken gegen die Art der Ausführung geltend zu machen, falls aus seiner Sicht nicht unbedenkliche Materialen vorgesehen sind oder bauphysikalische Grundvoraussetzungen nicht eingehalten werden.

Die Kundenberatung:

Der Kundenberatung kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu. Der Bodenleger ist gut beraten, dem Auftraggeber bei Auswahl der Produkte diese Informationen nicht vorzuenthalten und auf die möglichen Risiken hinzuweisen. Der Auswahl der Produkte kommt eine besondere Bedeutung zu. Die fachgerechte Verarbeitung und Einhaltung der bauphysikalischen sowie raumklimatischen Grundanforderungen ist gleichermaßen erforderlich und ggf. in Absprachen mit dem Bauherrn sicherzustellen und einzuhalten. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch ein Beratungsgespräch hinsichtlich des Lüftungsverhaltens und der Reinigung & Pflege.

 

Der Schadensfall tritt ein:

Trotzdem wird es nicht immer gelingen, „geruchsneutrale“ Fußböden einzubauen. Hierfür kann es unterschiedliche und vielfältige Ursachen geben und in diesem Zusammenhang ist auch die gestiegene „Sensibilität“ der Endverbraucher nicht zu unterschätzen. Zunächst einmal ist darauf hinzuweisen, dass nach der rechtsverbindlichen/zivilrechtlichen Abnahme der Besteller gegenüber dem Auftragnehmer beweisen muss, dass dieser vertragswidrig gearbeitet hat und somit den behaupteten „stinkenden Boden“ eingesetzt bzw. verlegt oder verursacht hat. Zum einen besteht die generelle Problematik hinsichtlich einer Geruchswahrnehmung, welche rein subjektiv ist und häufig von verschiedenen Personen sehr unterschiedlich wahrgenommen und beurteilt wird. Weitergehend wird oftmals voreilig und unbegründet der Schluss gezogen, dass gleichzeitig Emissionen aus elastischen bzw. textilen Bodenbelägen und/oder Verlegewerkstoffsystemen zu einer Gesundheitsbeeinträchtigung führen.

Eine derartige Schlussfolgerung ist jedoch in aller Regel als voreilig zu bezeichnen. Geruch und Emissionen müssen nicht gleichzeitig auftreten und können insbesondere unabhängig voneinander vorliegen.

Was ist nun als normale Geruchswahrnehmung oder „typischer Eigengeruch“ zu bezeichnen oder wo fängt die Geruchsbelästigung an? Die Vielschichtigkeit dieser Problematik ist mit Sicherheit nicht mit einem kurzen Kernsatz oder einer galanten Definition zu beantworten. Zunächst einmal ist zu berücksichtigen, dass erfahrungsgemäß in den ersten 8 bis 12 Wochen so genannte „Neugerüche“ und „materialspezifische Eigengerüche“ nicht auszuschließen sind. So kommen Klebstoffe in dichten Gebinden auf die Baustelle – können  also erst nach Verarbeitung „auslüften“. Das Gleiche gilt für z.B. nach der Produktion gerollte und in Folie verpackte Teppichböden.

 

Nach 8 bis 12 Wochen sollten diese Neu- und Eigengerüche jedoch abgeklungen sein. Voraussetzung ist natürlich, dass der Endverbraucher oder Nutzer in diesen 8 – 12 Wochen ein übliches und vertretbares Lüftungsverhalten an den Tag legt. Der nachfolgenden Tabelle sind zum Lüftungsverhalten und den zu erreichenden Luftwechselraten entsprechende Informationen zu entnehmen:

 

Fensterstellung

Luftwechselzahl pro Stunde

Fenster zu, Türen zu

0 bis 0,5

Fenster gekippt, Rolladen zu

0,3 bis 1,5

Fenster halb offen

5,0 bis 10

Fenster ganz offen

9,0 bis 15

Fenster und Fenstertüren ganz offen

(gegenüberliegend)

etwa 40


Erfahrungsgemäß sollten die ersten 6 bis 8 Wochen nach Neuverlegung von Bodenbelägen Luftwechselzahlen von 10 bis 15 je Stunde sichergestellt werden, um ein „ausdünsten“ der Materialien und somit ein Abklingen der Neu- und Eigengerüche zu gewährleisten. Sollten nach diesen Maßnahmen noch Gerüche vorliegen oder gesundheitliche Beeinträchtigungen beklagt werden, dann sind jedoch weitere zeitnahe genauere Untersuchungen erforderlich und zu empfehlen.

 


Was ist bei einer Geruchsbeanstandung - außer der vertraglichen Situation - zu beachten?

Selbstverständlich dürfen von Bodenbelagmaterialien - gleich welcher Art - in Räumen, die für den dauernden Aufenthalt von Menschen bestimmt sind bzw. dienen, keine störenden Geruchsentwicklungen und Beeinträchtigungen des Wohlbefindens ausgehen. Jedoch gibt es andererseits auch Situationen, in denen die Pauschalverurteilung vorgenommen wird, dass Übelkeit und Erbrechen bei Nutzern, dass apathisches Verhalten eines Haustieres oder der Umstand, dass Fliegen von der Wand fallen, auf den neu verlegten Bodenbelag zurückzuführen sind. Die Bandbreite der Geruchswahrnehmung geht von einem angenehmen/ stimulierenden Empfinden (z.B. durch ein Parfum usw.) über den durchaus realistischen umgangssprachlichen Ausdruck „den oder die kann ich nicht riechen“, d. h. über die unterbewusst vorgenommene Beurteilung der spezifischen Ausdünstungen einer Person, bis hin zu Geruchsbelästigungen, die zu einer Überreizung der in der Nasenhöhle konzentrierten Geruchszellen führt.

Somit ist festzustellen, dass subjektiv bleibende Geruchswahrnehmungen - bezogen auf ihren Übergang in Richtung Geruchsbelästigung - konzentrationsabhängig, bezogen auf die Geruchsintensität, sind. Im Schadensfall – also bei tatsächlich auftretenden, störenden Gerüchen sind aus Sicht des Bodenlegers folgende Punkte zunächst einmal zu prüfen, um zu vermeiden, dass sprichwörtlich mit „Kanonen auf Spatzen“ geschossen wird:

 

  • Wurden in den Räumen nur die Bodenbeläge erneuert, oder ggf. auch Farben, Tapeten, Lacke, Einrichtungsgegenstände etc..
  • Wie sind die raumklimatischen Bedingungen? – denn Wärme und Feuchtigkeit fördern Geruchsentwicklungen.
  • Wie ist das Lüftungsverhalten der Nutzer?
  • Gibt es bauliche Besonderheiten und spezielle Gegebenheiten vor Ort, z.B. direkte Sonneneinstrahlung, Gebäudeundichtigkeiten etc.
  • Gibt es nutzungsbedingte Besonderheiten, z.B. Haustiere, Reinigungsverhalten u.s.w.

 

Der Bodenleger sollte sich bei der ersten Beanstandung eine sehr genaues Bild von den Gegebenheiten vor Ort machen, um hier nichts entscheidendes zu übersehen. Kommt er zu dem Schluss, die Beanstandung „könnte“ berechtigt sein oder ist berechtigt, dann sollte er – falls er beweispflichtig ist – einen Fachmann oder Sachverständigen zur Hilfe nehmen. Jedoch auch wenn er nicht beweispflichtig ist, macht es häufig Sinn, das „Verfahren“ nicht aus den Augen zu verlieren und aktiv zu begleiten.


Der zur Zeit übliche Prüfstandard bei Geruchsbeanstandungen

Einleitend sei an dieser Stelle erwähnt, dass es in Fachkreisen, bezogen auf die hier in Rede stehende Problematik, bezogen auf die Geruchsbelästigung/Geruchswahrnehmung, keine so genannte „Norm-Nase“ oder letztendlich eindeutige analytische Spezifizierung von Gerüchen gibt. Es existieren jedoch „künstliche“ Nasen, welche neben der menschlichen subjektiven Beurteilung durchaus eine interessante Hilfestellung sein können.

 

Während bei den zuvor genannten örtlichen Überprüfungen mehrmalige intensive Nasenkontakte mit der in Rede stehenden Fußbodenkonstruktion erforderlich sind, ist eine objektive Geruchsprüfung und absolute Festlegung der entsprechenden Intensität sowohl in der Praxis als auch im Prüflabor/-institut sehr schwierig und insgesamt als problematisch zu bezeichnen. Die vorgenannte Aussage ist u. a. dadurch begründet, dass gleiche Gerüche von den einzelnen Personen erfahrungsgemäß unterschiedlich charakterisiert und beurteilt werden. Man kann es somit nicht oft genug erwähnen, dass jede Geruchswahrnehmung subjektiv und individuell verschieden ist. Mit diesem vorgenannten Hintergrund ist es verständlich, dass die entsprechende Bewertung einer Geruchswahrnehmung von Person zu Person große Varianzbereiche/Schwankungen aufweist.

Leider sind jedoch von Fall zu Fall  berechtigte Geruchsbeanstandungen zu bearbeiten,  insbesondere dann, wenn chemisch-physikalische Wechselwirkungen zwischen Verlegewerkstoffen, alten Klebstoffsubstanzen oder Bodenbelagmaterialien schadhaft wirksam werden. Wechselwirkungen spielen häufig eine viel entscheidendere Rolle als einzelne Produkte. Welche Prüfmaßnahmen sind wirtschaftlich und technisch im Schadensfall zweckmäßig:

 

Aus unserer Erfahrung im iff – Institut für Fußbodenbau heraus haben sich folgende Prüfmaßnahmen als zweckmäßig und sinnvoll herauskristallisiert:

 

  • Geruchsprüfungen (subjektiv) gemäß SNV 195 651/1968 „Bestimmung der Geruchsentwicklung von Ausrüstungen (Sinnenprüfung)“, einzelne Materialien und Materialien in Kombination (z.B. Bodenbelag + Klebstoff), um auch Wechselwirkungen ggf. zu erkennen,
  • Raumluftmessungen (Raumluftproben werden vor Ort über eine Pumpe unter bestimmten Bedingungen entnommen und im Labor auf geruchsbildende und flüchtige Substanzen geprüft),
  • Prüfungen der einzelnen Materialien in der Emissionskammer auf geruchsbildende und flüchtige Substanzen und ggf. Abgleich mit den Ergebnissen der Raumluftmessungen.

 

Selbstverständlich sind auch weitere ergänzende Prüfmaßnahmen möglich und insbesondere dann sinnvoll, wenn kein eindeutiges oder verwertbares Ergebnis vorliegt.

 

Fazit für den Bodenleger:

Geruchsbeanstandungen sind unangenehme, schwer zu lösende und häufig mit Hysterie und allgemeiner Unsicherheit verbundene Beanstandungen. Im Schadensfall muss der Bodenleger damit rechnen, zur Rechenschaft gezogen zu werden und ist häufig der Beurteilung durch nicht handwerkliche, sondern akademische „Fachleute“ ausgesetzt. Dies kann – unabhängig einer handwerklich soliden Leistung – zu hohen Sanierungskosten und sogar Schadensersatzansprüchen führen. Um so wichtiger ist es , dass der Bodenleger im Rahmen seiner Möglichkeiten eine deutliche Risikominimierung betreibt.

Eine korrekte Untergrundvorbereitung, umfangreiche, solide und ehrliche Kundenberatung, die Berücksichtigung der Prüf- und Hinweispflichten und insbesondere die Auswahl unbedenklicher und geprüfter Materialien sind die Grundvoraussetzung, um Schäden und insbesondere Gerüche zu vermeiden bzw. weitestgehend auszuschließen. Und wenn es dann doch einmal zu einem Problem kommt, dann ist eine aktive Reklamationsbearbeitung häufig der richtigere Weg als die „Methode des Aussitzens“.

 

Der vorangegangene Fachartikel soll dem Bodenleger lediglich einige wichtige Hinweise für die Praxis geben und ihm helfen, sein Risiko zu minimieren. Im Übrigen ist der Bodenleger durch die Technische Regel für Gefahrstoffe (TRGS) verpflicht, dass jeweils möglichst emissionsärmste und unbedenklichste Produkt einzusetzen.

 

 

© 2012 iff - Fußboden Gutachter